Mini Alpencross

Hallo liebe Freunde, es gibt uns noch. Leider fordern uns diverse andere unwichtige Tätigkeiten derart, dass wir gar nicht mehr zu den wichtigen Sachen wie Blogeinträge schreiben kommen. Und darum verpasst ihr auch so wichtige Themen wie Lautsprecher bauen oder den Grand Canyon du Verdon. Aber jetzt wollen wir doch mal wieder. Dank superpraktischer Feier- und Brückentage hatten wir gerade vier Tage am Stück frei und es bietet sich natürlich an an diesen ein wenig Fahrradfahren zu gehen. Logisch, oder? Meine weitaus bessere Hälfte hat entschieden mit zu wollen und so hab ich die ein oder andere dem gesunden Menschenverstand nur schwer nahezubringende Idee aus- und dafür jede Menge Essen eingepackt. Manche Menschen haben nämlich große Brüder mit noch größeren Magen und darum die stetige Angst zu verhungern. Dem wollte ich vorbeugen und da ich ansonsten nicht so viel brauch hab ich einfach ein gutes Drittel meines Rucksacks mit Essen gefüllt…

Gut, Packen ist langweilig, lasst uns fortschreiten. Am Samstag morgen, um ziemlich früh (da hatte Morgenstund definitiv noch nicht Gold im Mund) sind wir auf unsere Fahrräder gestiegen und zum Bahnhof gerollt. Dort in den Zug und erst mal durchs Rheintal geeiert. Dann von der langweiligen SBB in die weitaus aufregendere RHB (die haben noch Fenster die man aufmachen kann, ordentlich Platz für Fahrräder und großartige Strecken) umgestiegen. Dieser Zug hat uns am frühen Vormittag in Scoul entlassen und wir konnten uns wieder dem besten Verkehrsmittel der Welt zuwenden. Zunächst leicht bergab über Feldwege, vom Bahnhof zum Bach zum Seitental. Nach 20 min. hatten wir 20% der geplanten Tagesstrecke geschafft. Doch dann ging es bergauf. Immer an einem kleinen Bach entlang durch eine Schlucht. Mal flach, mal steil, steil, immer bergauf. Irgendwann ein Schild: “Fahrräder stossen!”. Nein, nicht in die Schlucht hinab, so nennt der Schweizer das schieben. Und das war auch begründet, hatten wir doch das erste Highlight der Tour erreicht, den oberen Teil des Valle d´Uina, die Uinaschlucht. Irgendwer hat da mal einen Weg in die Felswand geschlagen und gesprengt, teilweise im Tunnel, teilweise ist die Seitenwand offen. Sehr beeindruckend und Bilder werden wir nachliefern. Vielleicht…

Oben ging es dann durch ein schönes Hochtal zur Sesvanna-Hütte, die leider schon für die Nacht belegt war (was zu unserem ursprünglichen Plan passte – leider jedoch nicht zu spontan auf der Hütte entwickelten Ideen – aber Ideen laufen  ja nicht davon). Also Apfelstrudel und wie geplant äußerst langweilig ins Tal hinab nach Mals gerollt. Dort ein nettes Hotel gefunden, mit super Speisekarte: 6 Hauptgänge, 5 davon: “geil, will ich!” und kurz vor Einbruch der Dunkelheit im Bett verschwunden. Kurz darauf kam dann noch das angesagte Gewitter vorbei.

Somit waren wir um 8 schon wieder fit um das Frühstück zu genießen. Die besten Semmeln die ich je gegessen hab (zumindest die besten an die ich mich erinnern kann). Und anschließend wieder aufs Rad, gemütlich das Müstairtal hoch gerollt, irgendwann links abgebogen auf die “strada del vino e del sale”. Was die alten Römer wohl durch dieses beeindruckend schöne Hochtal transportiert haben? Jetzt wohnen da noch ein paar Pferde und Kühe und genießen den Ausblick auf die Ortlergruppe. Wir waren recht fidel unterwegs, ein wenig dehydriert und immer kurz vor der Regenwolke – aber meist im Sonnenschein. Irgendwann knickt die Salz- und Weinstraße ins Val Mora ab. Ein wunderbarer Weg durch ein wunderschönes Wäldchen. Immer am Bach entlang. Mal wieder. Nur diesmal echt schöner. Wenn nicht das Wetter gedroht, und der Hunger gezogen hätte, wir hätten es länger dort ausgehalten. Für den Hunger haben wir unsere relativ einfache Herberge mit engen Doppelstockbettzimmern ausgestatte Herberge am Doppelstausee Lago die San Giacamo die Fraele udn Lago die Cancano aufgesucht (Warum man eine Staumauer zwischen zwei Stauseen hochzieht ist mir nicht so ganz klar). Dort gab es zwischen Duschen und Abendessen noch einen kleinen Spaziergang um auf den See zu schauen – nach 2 Minuten hat ein Gewitter dem aber ein Ende bereitet. Also rein, vor den Kachelofen und Abendessen – und natürlich wieder ins Bett bevor es dunkel wurde.

Am nächstan Tag durfte meine Frau dann lernden, dass eine Tour mit nur 500 hm Aufstieg durchaus die anstrengendste sein kann (die Tage davor hatten mindestens das doppelte). Auf unserem Weg begegneten wir zunächst einem Verbotsschild, das wir, zwei Italiener die des Weges kamen zum Vorbild nehmend, ignorierten. Kurz darauf fanden wir den Grund für das Verbotsschild. Ein wenig Wasser war den Hang hinabgeflossen, der Weg war weg, große Haufen an seiner Stelle. Aber man fährt ja weder E-Bike noch Motorrad, man kann ja tragen. Kurz darauf noch eine ähnliche Stelle und dann war der Weg wieder frei. Bis ins Val Viola. Es zog sich und zog sich, nur 500hm, aber eben in dünner Höhenluft (bis auf 2465m) und ausreichend Wasser hatten wir auch nicht dabei (wir hofften auf Quellen die wir nicht fanden). Am Pass gab es dann die Möglichkeit den Wanderweg oder einen neuen Weg für Mountainbikes zu wählen. Als jemand der schon vor 10 Jahren Mountainbike fuhr hat man natürlich gelernt dem Mountainbike-Weg zu misstrauen und wählt den Wanderweg. Was sich in der Retrospektive als Fehler erwies. Oben wars erstmal schwer zu fahren, kurz darauf dann unmöglich. Zum Abschluss durften wir unsere Fahrräder noch ein Stück den Berg hinauftragen. Als wir den schönen Weg dann jedoch wieder und einen kleinen Bach leergetrunken hatten ging es jedoch weitaus besser an den angeblich schönsten Seen der Erde vorbei. Direkt an der Alp Saoseo bestand der Weg aus lautsprechergroßen Felsen die zu einem Pflaster zusammengefügt waren, die Qualität war jedoch bei weitem nicht römisch, sondern deutlich gröber (vermutlich waren zur Bauzeit keine Sklaven mehr verfügbar). Dort kam es zu folgendem Dialog zwischen einer  Wanderin und mir (ich hatte angehalten um sie vorbeizulassen):

“Mit em Velo?”

“Schon!”

“Geht das?”

“Ja.”

“Wo kommt ihr her?”

“Von drüben.” (Ich zeigte in Richtung Nachbartal)

“Nein, wo seid ihr losgefahren?”

“In Scoul.”

“Alles heute?”

“Nein, wir sind seit drei Tagen unterwegs erst… blablabla…”

“Ah, und das Gepäck alles da drin?” (zeigt auf den Rucksack)

“Ja.”

“Na dann viel Spaß. Und vorsicht, gibt Steine!”

Ja, das hatten wir auch schon gemerkt, es gab ja praktisch nichts anderes. Ausser den Kuchen kurz darauf. Danach sind wir dann aufgrund fortgeschrittener Zeit und Müdigkeit möglichst zügig nach Poschiavo abgefahren um festzustellen, dass alle Zimmer ausgebucht waren. Aber gleich daneben, da gabs noch eine schnucklige Pension. Essen gabs natürlich auch, und das beste, man musste gar nicht entscheiden was man wollte. Es kam einfach. Beim Essen kam es dann zu folgendem Dialog:

“Was machen wir heute noch?”

“Können wir nicht einfach ins Bett gehen?”

“Man kann doch nicht schon um 9 ins Bett gehen!”

“Warum nicht?”

Ja, das Argument hat gezogen.

Der nächste Morgen wurde ein bisschen stressig. Rückreise, der Zug Nr. 1 fuhr 1 1/4 Stunden nach Frühstücksbeginn. Zug Nr. 0 ließ 1/4 Stunde Zeit. Wir haben also die nette Wirtin ein wenig gestresst und waren um 10 vor Zug mit Frühstück und bezahlen fertig. Beim losfahren beschlossen wir: “Du fährst vor und holst schon mal Karten!” (Wiso kann man diese bekackten Fahrkartenautomaten nicht einfach mal in den Zug einbauen? Da hätte man Zeit sich durch diese Menüführung zu arbeiten – und die Automaten der RHB sind nochmal gemütlicher als alle anderen die ich kenne). So geschah es dann auch, Person 1 fuhr zum Bahnhof und holte Karten, Person 2 fuhr wenige Sekunden hinterher – und am Bahnhof vorbei. Als die telefonische Kommunikation aufgebaut war fuhr dann der Zug auch schon los. Ohne Person 1 und ohne Person 2. Wir wussten aber, dass der Zug im nächsten Ort 5 Minuten Aufenthalt hatte. Und da Person 2 ehh schon fast im nächsten Ort war hat Person 1 mal einen kleinen Sprint eingelegt.

Nachdem Person 1 im Zug wieder Atem gefunden hatte und die gegenseitigen Schuldzuweisungen friedlich beigelegt waren konnten wir uns der Kultur zuwenden. Was Zugfahren mit Kultur zu tun hat kann man die UNESCO fragen – Zugfahren auf einer Weltkulturerbestrecke ist jedenfalls höchst interessant. Langsam schraubt sich der Zug den Berg hinauf und das Tal wechselt nach jedem Tunnel die Seite. Wie macht es das blos? Weiter oben sieht man dann Berge, Gletscher, Seen und Bäume. Wirklich beeindruckend. Und traurig. Traurig, weil man sieht wie die Gletscher immer weniger werden.

Am Ospizio Bernina, also nahe dem Berninapass sind wir dann wieder ausgestiegen. Genug der Kultur, Fahrrad fahren! Wir hatten Option 1: Einfach am Bach entlang kullern (intelligenterweise waren wir am höchsten Punkt der Bahnlinie ausgestiegen) und weiter unten wieder einsteigen. Oder erstmal noch so nen kleinen Gipfel, den Lagalp direkt neben dem Pass umrunden. Wir trennten uns einmal mehr, diesmal hat Person 2 den besseren Riecher bewiesen, die Umrundung war wenig lohnenswert. Das Treffen klappte diesmal ohne Probleme und den Rest des Weges kullerten wir das Tal hinab. Zuerst ganz sanft, später wurde es dann noch richtig Steil, aber wo Uphill-Könige mit ihren E-Bike-Frauen Spaß beim hochfahren haben fahren wir mit dem größten Vergnügen hinab. Am Ende des Weges waren wir dann auf einem sehr lebhaften Parkplatz angekommen, aber die vielen Menschen, Autos und wirren Schilder… Wir mussten uns auf eigene Faust unseren Weg suchen. Klappte auch ganz prima, einfach durch den Campingplatz und die Kiesgrube, durch den Wasserablauf unter der Bahnlinie und schon waren wir wieder auf dem Weg von dem wir noch nicht wussten, dass wir darauf wollten. Kurz später begegneten wir dann noch zwei iunge Herren mit Schaltungsproblemen. Da das beheben mit der eingeschränkten Werkzeugauswahl nicht möglich war fuhr der eine der jungen Herren kurz darauf ohne Schaltung weiter. Nunja, Vermieter die ihre Schaltungen nicht ordentlich einstellen brauchen sich auch nicht wundern, wenn hinterher ein Stück Kette fehlt…

Und dann hatten wir Rückenwind. Der letzte Kilometer zum Bahnhof war in 2 Minuten erfahren. Dort dann wieder in den Zug – kleine Empfehlung am Rande: Bis nach Samedan Fahrradfahren, da kann man nämlich wieder in den Weltkulturerbezug einsteigen. Wenn man früher einsteigt muss man umsteigen. Der Rest der Strecke ist im Internet sicherlich ausreichend beschrieben. Kleiner Tipp nur: Man sollte die Nase nicht zu weit aus dem Zug halten, Tunnel kommen überraschend. Außer dem Schreck ist nichts passiert.

Und dann waren wir irgendwann wieder zu Hause. Und gerade als wir zu Hause (und Person 2 unterwegs zum Metzger) waren kam natürlich – na, wer erräts? – das Gewitter. Nunja, Person 2 war nass und hungrig (gut für die Laune), Person 1 hat festgestellt, dass das Gas vom Grill alle war und morgen dürfen wir wieder arbeiten…

2 Gedanken zu „Mini Alpencross

  1. Beeindruckend! Mir ist ganz schwindelig. War das nun Urlaub oder Stress und die Erholung kommt erst wieder beim bezahlten Arbeiten! – Dann kanns ja nur gut werden!

  2. Hach da kommen Erinnerungen hoch. Erinnerungen an körperliche und seelische Qualen. Schön war’s.
    Toll dass ihr da noch ein bisschen auf dem Bernina rumgekullert seit. Das hat ja damals nicht mehr in die Planung gepasst, oder so.

    Das Val Mora bin ich ja bei meiner Solotour auch gefahren, allerdings diesesmal auf der anderen Seite an den Stauseen vorbei. Und dann halt die 1000 Serpentinen runter und unten nach Bormio.

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