Archiv für den Monat: Dezember 2019

Wenn einer eine Reise tut…

… dann kann er was erleben. Sagt das Sprichwort und sagt auch dieser Blog und die Erfahrung. Das wollen wir doch mal wieder ausprobieren. Aber weil es gerade kurz vor Weihnachten ist und Microadventures gerade so im Trend liegen, mache ich es einfach ein wenig kürzer: Ich fahre mit dem Zug. Von Konstanz nach Berlin. „Ganz schön mutig!“ meinten meine Arbeitksollegen. „Ich bin abenteuerlustig!“ entgegnete ich…
Die erste Herausforderung ist ja schon mal das passende Ticket zu finden. Dank komischer Preisgestaltung der Bahn war dann am Ende die erste Klasse nur 7€ teurer. Das wollte ich dann doch mal ausprobieren. Auch wenn ich eigentlich kein Fan der ersten Klasse bin (einerseits verursacht der erhöhte Komfort natürlich einen größeren Ressourcenverbrauch und andererseits wird sie von der zweiten Klasse quersubventioniert. Man kriegt in der ersten Klasse mehr fürs Geld. Der Quadratmeterpreis ist sozusagen niedriger…)
Freitagnachmittag sollte es losgehen, der erste Zug war noch Regionalverkehr. Damit keine Zugbindung – ich habe extra einen Zug früher genommen. Dort gibt es öfter mal Bahnübergangstörungen, die zu Verspätungen führen. Aber an jenem Freitag war dem nicht so, es wäre nicht nötig gewesen. Stattdessen hatte ich Zeit für einen Spaziergang durch Singen. Nun ja, muss man nicht gesehen haben.
Auch der nächste Zug kam pünktlich. Leider war es nicht der erwartete alte IC der SBB, der oft auf dieser Strecke verkehrt, sondern ein neuer „Intercity 2“ der deutschen Bahn. Den kannte ich bisher noch nicht und ähnlich wie Singen muss man auch den nicht erlebt haben. Nicht mal Jackenhaken gibt es und auch ansonsten fühlt man sich eher wie im Regionalzug. Aber gut, er fährt. Also ein Stück. Dann nicht mehr, weil „Baum im Gleis“. Im Gegensatz zu meiner ersten Vermutung (jemandem ist auf einem Bahnübergang der Baum vom Dach gefallen) hat wohl der Wind einen Ast auf die Schienen geweht. So hatte ich ausreichend Zeit das Bahn-Magazin zu lesen. Und das hat mir tatsächlich ganz gut gefallen. Vielleicht sollte die Bahn über einen Einstieg ins Medienbusiness nachdenken, das mit den Zügen… Wie dem auch sei, der Anschlusszug war natürlich weg. Als der Schaffner irgendwann später mal wieder vorbeikam, konnte ich ihn nach seinen Empfehlungen fragen. Von Stuttgart über Frankfurt (wie geplant) fuhr natürlich nichts mehr (das war mir vorher auch bewusst, und deshalb hatten mich meine Kollegen auch mutig genannt), aber ich könnte ja nach Köln fahren, dort 2,5 Stunden warten und dann von dort weiter nach Berlin. Wären dann nur etwa 5.5 Stunden Verspätung. Der Zug nach Köln war dann natürlich auch schon weg als wir in Stuttgart ankamen, ich hätte aber sicherlich auch einen später noch nehmen können. Inzwischen hatte ich aber erfahren, dass mein Schwager auch schon fast auf dem Weg nach Berlin war, von München über Stuttgart (wenn man die Energieverbrauchsvergleiche zwischen Bahn und anderen Verkehrsmitteln macht, wird dann eigentlich mitberechnet, dass die Bahn gerne mal größere Umwege fährt?). Wir könnten also praktisch im gleichen Zug fahren und ich würde nur (weitere) 2 Stunden später ankommen. Ein weiterer Vorteil wäre, dass man mich nicht mitten in der Nacht um 6 Uhr am Bahnhof würde einsammeln müssen. Und so hatte ich dann einen kleinen, 5-stündigen Aufenthalt in Stuttgart. So im Nachhinein betrachtet hätte ich ja eigentlich noch mal nach Hause fahren können, um die Sachen zu machen, die ich eigentlich vor dem losfahren noch hätte machen wollen (Wohnung aufräumen beispielsweise). Stattdessen hatte ich aber die großartige Idee ins Kino zu gehen. Gar nicht weit vom Bahnhof hab ich dann auch eins gefunden. In Stuttgart ist das ein wenig komplexer, jeder Saal scheint nen eigenen Eingang, gern auch mal in ner anderen Straße zu haben. Auch das Kinoprogramm war jetzt nicht so richtig informativ und übersichtlich, aber dann doch ausreichend, um herauszufinden, dass kein Film im Angebot war den ich sehen wollte. Schade eigentlich. Stattdessen bin ich dann noch ein wenig durch die Stadt geschlurft und hab Geschäften beim Zumachen zugeschaut und mir dann auf dem Weihachtsmarkt ein paar Kartoffelpuffer gekauft. So nen Weihnachtsmarkt stellt ja letztendlich schon sämtliche Errungenschaften der Gastronomie der letzten 2500 Jahre in Frage. Man steht bei meist doch eher unangenehmen Wetter draußen (für Schnee ist es ja in der Regel zu warm) und trinkt warmen Wein, anstatt warm in der gemütlichen Stube zu sitzen und ne kalte Cola zu trinken…
Anschließend bin ich dann noch ein wenig durch die Stadt gelaufen und hab alle Informationen zu Stuttgart 21 gelesen, die es da zu lesen gab. Ein wenig einseitig natürlich. Ich bin jetzt schon fast Fan. Sehr beeindruckend was und wie die da alles bauen (das eine denkmalgeschützte Gebäude steht jetzt auf Stelzen, damit sie darunter den Bahnhof bauen können). Natürlich wär es aber trotzdem sinnvoller gewesen einfach nen neuen Hauptbahnhof nördlich von Stuttgart zu bauen wo die Hochgeschwindigkeitsstrecke ehh schon langführt. Der ganze Aufwand, nur damit ich einfach ins Kino laufen kann (wo dann ehh nichts läuft), das finde ich schon ein wenig übertrieben.
Und dann hab ich noch ein wenig philosophiert. Fliegen und Bahnfahren. Fliegen hat ja doch viele Nachteile und gerade im innereuropäischen Verkehr bin ich da gar kein Fand davon. Aber einen großen Vorteil hat es halt doch: Flughafenklos. Insbesondere im Vergleich zu Bahnhofklos. Da ist es doch kein Wunder, dass so viele Menschen fliegen…
Nachdem ich dann keine Lust mehr zu laufen hatte, hab ich mich dann niedergelassen und gelesen. Ein Buch über Vornamen, einen außerordentlich spannende Lektüre, aber das Thema ist einfach gerade dran. Praktischerweise hatte ich eine zweite Jacke dabei, war ein wenig frisch. Aber ich hatte ja mit sowas gerechnet, meine Arbeitskollegen hatten mir sogar vorgeschlagen, ein Zelt mitzunehmen. Die Heringe hätten allerdings schon recht deutliche Spuren im Bahnhofsboden hinterlassen…
Und irgendwann kam dann mein Zug, ein ICE der vierten Generation. Bei dem hat sich die Bahn ja ein paar neue Sachen überlegt, unter anderem, dass er nicht mehr so schnell fahren muss (weil dafür eh keine passenden Schienen vorhanden sind), dass es Fahrradplätze gibt, und das er ein wenig weniger Platz bieten darf. Find ich alles prinzipiell gut. Zwei der Punkte sparen Energie und Fahrräder kann man immer brauchen. Weniger gut fand ich allerdings das schlichte Interieur und die Sitze in der ersten Klasse. Ich kann echt nicht nachvollziehen, dass die Bahn so darauf bestand, dass Greta auch einen Teil der Strecke einen solchen Sitz statt dem Boden hatte. So groß ist der Vorteil nämlich nicht… Nichtmal wenn man in der ziemlich leeren ersten Klasse reist, wo man sich auch über mehrere Sitze verteilen kann. So haben wir dann doch etwa 28 verschiedene Schlafpositionen gefunden, die alle eins gemeinsam hatten: bequem waren sie alle nicht…
Aber immerhin sind wir pünktlich abgefahren. In Mannheim hatten wir dann 9 min. Verspätung, die wir aber bis Frankfurt Flughafen in einen 9-minütigen Vorsprung umwandeln konnten. Ein Polizeieinsatz hat daraus aber dann wieder eine 9-minütige Verspätung gemacht. In der „DB Navigator“-App konnte man dann auch was von nem technischen Defekt am Zug lesen. Außer, dass ein Licht bei uns im Wagen einen Wackelkontakt war hat man davon allerdings nichts gemerkt. Bis Frankfurt Hauptbahnhof. Dort stand nämlich schon ein Ersatzzug bereit, was wir für eine durchaus beachtenswerte logistische Leistung hielten. Zug kaputt und der Ersatzzug ist sofort startklar. Und es war – worauf die Bahn extra Wert gelegt hatte – auch ein Zug des gleichen Typs. Dadurch haben dann auch die Reservierungen noch alle gepasst. Was nicht gepasst hat – ich hatte es nicht zu hoffen gewagt, aber es war mir sofort klar, als ich am gegenüberliegenden Wagen eine 2 gesehen hab – war die Richtung des Zuges. Alle Passagiere die am Zugende saßen mussten also erstmal ans gegenüberliegende Zugende laufen. Nachts um 2 oder so. Alle voll verschlafen. Der schadenfrohe Teil von mir hatte da großen Spaß dran. Der neue Zug lief dann aber gut, wir hatten ja auch noch etwa 23 unbequeme Schlafpositionen vor uns. Daher hab ich dann auch nichts mehr mitgekriegt, ich glaub es ist bis Berlin dann auch nicht mehr viel passiert.
Die alte Berliner S-Bahn hat übrigens echt bequeme Sitze. Ein spannendes Abenteuer, und dank mehr als 2 Stunden Verspätung sogar zum halben Preis…