Archiv für den Monat: Februar 2014

Im Krankenhaus

Nachdem heute auf der Rückfahrt aus Lomé meine Frau immer mehr Malaria-Symptome erkundet hat haben wir dann doch mal beschlossen so einen Malaria-Test machen zu lassen. An sich relativ unkompliziert, soweit ich weiß braucht  man nur einen Bluttröpfen unterm Mikroskop zu betrachten. Sollte hier jeder halbwegs vernünftig ausgestattete Arzt hinkriegen, aber Samstag Abend um 18:00 sind die alle beim Angeln. Oder Fußball gucken. Oder vielleicht arbeiten sie sich gerade durch die 14.  Kalebasse Hirsebier. Man weiß ja nie was Mediziener so in ihrer Freizeit treiben und hier scheinen Hobbys ehh nicht so verbreitet zu sein. Wir also beschlossen mal ins Krankenhaus zu schauen. Das in Fußreichweite hatte leider auch schon zu und das nächste zu dem wir dann mit dem Motorradtaxi gefahren sind war zwar noch offen, aber irgendwie keiner da der so nen Test hätte durchführen können. Die haben uns dann ins Zentral-Spital von Sokodé geschickt. Da war noch leben. Erstmal reinmarschiert und weder Empfang noch ein Hinweisschild mit für uns brauchbaren Hinweisen gefunden. Also mal irgendwen gefragt. Der hat uns dann zu irgendwem anders geschickt. Ein optisch gerade das 15. Jahr durchlebender Kerl im weissen Kittel, der uns erstmal reichlich besserwisserisch zur Kasse geschickt hat. Dort haben wir dann erstmal bezahlt (bei dem ersten Kerl, den wir nach dem Weg gefragt haben). Anschliessend wurden wir zu einem Fensterchen schräg gegenüber geschickt. Der Kerl aus der Kasse der uns schickte kam auch gleich hinterhergelaufen und hat das Fenster schräg gegenüber besetzt, um meine Frau noch in das güldene  Buch des Krankenhauses aufzunehmen. Mit Vornamen und zweitem Vornamen. Hätte er das Buch einmal 8m rübergetragen. hätte er nicht die ganze Nacht rennen müssen. Danach durften wir dann im Warteflur Platz nehmen. Endlich ein vertrauter Akt. Nach reichlich kurzer Zeit, etwa 3 Minuten, kam ein kompetent wirkender Mann im blauen Kittel. Der hat dann erstmal Blutdruck gemessen, gewogen (mit einer sehr schmeichelhaften Waage. Ich lag bekleidet bei 90kg. So leicht war ich schon lang nicht mehr…) und uns zur Krankenhausapoteke geschickt. Ein Fiberthermometer kaufen. Die Auskunft dass wir grad zu Hause Fiber gemessen hatten (auf zwei Stellen nach dem Komma genau) hat leider nicht gereicht. Vermutlich wurden sie von den Nachkommastellen verwirrt. Also ein Quecksilberthermometer gekauft und die Temperatur nachkommastellenfrei festgehalten. Dann wurde uns mitgeteilt das entsprechende Zimmer zu betreten, sobald der Mann der vor uns dran war es verlassen hat. Nichts mit aufrufen oder so. Als wir dann dran waren saß der inzwischen schon fast wie 16 aussehende Jüngling im Kittel im Zimmer und hat mit der Untersuchung begonnen. Es stellte sich heraus, dass er medizinischer Assistent ist (zumindest sagte uns das sein Stempel, den er auf jedes Papier gehauen hat, dass ihm in die Finger kam). Zunächst ein bisschen Reden was los war (Durchfall, Übelkeit, Kotzen, Müde, Fieber), dann ein wenig den Puls angehört und den Bauch abgetastet. Danach hat er uns dann ein Rezept ausgestellt. Ich kann es zwar nicht entziffern, aber da stehen 11 Medikamente drauf. Aus dem Gedächtnis ungefähr folgendes: ein Medikament gegen Übelkeit, eins gegen Durchfall, eins gegen Fieber, ein oder zwei Medikamente gegen Malaria, zwei Antibiotika und dann noch diverse Vitamin- und Was-weiß-ich-was-Präparate um die gute wieder aufzupäppeln. Damit hat er uns dann wieder zur Apotheke geschickt. Die Aufpäppelpräparate sind vermutlich notwendig, weil man so viel im Krankenhaus rumgeschickt wird. Ich mag ja nicht wissen wie das für jemanden ist der richtig übel krank ist, ohne Begleitung stirbt der vermutlich auf dem Krankenhausflur oder so. Auf halben Weg zur Apotheke haben wir dann beschlossen, dass wir grad nicht so viel Bock drauf haben den ganzen Scheiß zu kaufen, weil erstens wussten wir ja nach wie vor nicht was es war und zweitens hätten wir praktisch alles davon auch in unserer Reiseapotheke, sollten wir es nutzen wollen. Anschliessend haben wir es uns wieder in dem Warteflur bequem gemacht und kurz darauf kam wieder der kompetente Mann im blauen Kittel und hat uns wieder zur Kasse geschickt. Dort haben wir nochmal was bezahlt und dann durften wir endlich in Richtung Labor.  Dort kam ein lustiger Mann im blauen Kittel: “eilts bei euch?” fragte er während er noch seine Banane in den Mund schob. Der hat dann drei Portionen Blut abgenommen. Zweimal für alles mögliche und einmal (endlich!) für den Malaria-Test. Danach durften wir dann gehen. Die Ergebnisse können wir dann morgen um 6 Uhr morgens abholen. Meine Frau hat dann noch halb 8 rausgehandelt.

Wieder nach Hause wollten wir wieder das Motorradtaxi nehmen, haben aber nur eins gefunden. Der wollte uns dann auch gerne beide auf einmal mitnehmen (gegen Aufpreis natürlich nur). Auch unser Hinweis, dass wir schwer sind (wenn man der Krankenhauswage keinen Glauben schenken mag) hat ihn nicht geschreckt. Naja, er und sein Motorrad mussten dann gut arbeiten für ihr Geld.

Zuhause hab ich dann erstmal – als Ersatz für 10 Medikamente – eine Gemüsesuppe gekocht (na, wer hätte das von mir erwartet?). Malaria wird dann bei positivem Test schon bekämpft, der Rest muss aber nicht sein…

Nachtrag vom Krankenbett:

Der Malaria Test war negativ! Also alles im grünen Bereich und juhu, somit auch gänzlichen Medikamentenkonsum umgangen. Stattdessen geht’s dank vielen schlafens und der ausgezeichneten Versorgung und Pflege durch meinen Mann schon ein gutes Sück besser.

Einpendeln

Langsam…ganz langsam pendelt er sich ein. Der Alltag. Unser Alltag in Togo. Nach einigen Tiefs, zwischen denen nie richtige Hochs kamen, endet jetzt immer öfter ein Tag mit fröhlicher Stimmung und glücklichem Gemüt.

Aber von vorne: wie schon in “Tiefpunkt” beschrieben, gibt es hier einiges, das SEHR anders läuft. Oft stellt sich einem die Frage “warum”. Mir ganz besonders die Frage: “Warum wollte ich hier eigentlich hin?”. Klar, mein Mann ist mitgekommen. Ehrenhaft der Frau gefolgt, in ein Land, dessen Sprache er nicht kann und nicht mal mag, in ein Land, von dessen Kultur er nicht die geringste Vorstellung hatte und in ein Land, dessen Hitze es kaum zu entkommen geht.  Die Frau, getrieben von Idealismus und dem Traum, globale Verantwortung zu übernehmen, motiviert, für Jugendliche in perspektiv-loseren Situationen Zukunftsperspektiven durch Jobs zu schaffen …

So viel zur Theorie. Die Wirklichkeit sah aber GANZ schnell anders aus. Der Wunsch, über den eigenen Tellerrand zu blicken oder den eigenen Horizont zu erweitern, wird relativ schnell weichgespült… wenn zum 5. Mal innerhalb einer Stunde der Strom ausfällt, gerade dann, wenn man die Hände vom Gemüseschneiden schmierig hat und man den Topf zwar über der Gasflamme in der Küche erahnen kann, man aber für sich und das tropfende Schneidebrett den Weg dorthin erst noch durch 2 Türen ertasten muss… wenn am 3. Tag in Folge die Tiefschlafphase durch ein Klingeln an der Haustür jäh unterbrochen wird und irgendein Wasser- oder Stromableser unangemeldet eingelassen werden möchte  … wenn trotzdem das Wasser, das aus dem Hahn kommt, dreckig braun gefärbt hervortröpfelt, gerade wenn man abspülen möchte (und dann ganz versiegt)… wenn die Mücken nachts die fiesesten Stellen des Körpers (Fußsohlen und Fingerspitzen!!) hemmungslos für ihr Festmahl missbrauchen, nur weil der Mückengittermann es seit 4 Woche noch nicht fertig gebracht hat, vor die sowieso mit cm breiten Ritzen eingebauten Fenster ein schützenden Netz zu spannen… wenn es seit 1.5 Wochen in der ganzen Stadt kein Gas mehr zu kaufen gibt, weil die Versorgung des Landes mit Gaslastern scheinbar eine logistische Hochleistung (oder aber eine politisch sensible Angelegenheit) zu sein scheint. Und sowieso… ich will nach Hause!!

Was macht man, wenn der Frust groß und die Fluchtmöglichkeiten beschränkt sind? Auto haben wir ja noch immer keines (mittlerweile warten wir seit 3 Monaten, dass unser in Lomé stehendes Auto angemeldet wird. Letzte Woche wurden wir dann informiert, dass der gesamte Anmeldeprozess gestoppt wurde und ganz neu aufgerollt werden muss, weil irgendein Bürokratenheini sich neue Bestimmungen ausgedacht hat). Wenigstens am Wochenende steht uns der Dienstwagen zur privaten Verfügung -wenn ihn der Chauffeur nicht vergessen hat, aufzutanken… so wie letzte Woche…

Diesmal aber hatte ich ihn explizit darum gebeten, voll zu machen, also rein ins Auto, Offspring aufgedreht und ohne großartige Zielvorstellung los gefahren. Und tatsächlich entdeckten wir dann Seiten an Togo, die wir noch nicht kannten, die ganz schön anzusehen oder witzig zu erleben waren. Hier ein paar Momentaufnahmen:

(die Straße ist übrigens brandneu und eigentlich noch im Bau. Aber sie ist schon top befahrbar und hat durch ihre Markellosigkeit so bestochen, dass ich ohne Nachzudenken einfach drauf gefahren bin und mich nur irgendwann gewundert habe, dass da außer uns kein anderes Auto fährt. Mein Mann hatte natürlich das Schild gelesen, bzw. die Steine am Anfang der Straße richtig interpretiert. Ich hatte die nicht als bewusstes Hindernis wahrgenommen. Na egal, so hatten wir zumindest einen Einblick in die großartige Zukunft der Togoer Infrastruktur)

Interessantes Transportvolumen:

 

Der hat die Kurve nicht mehr gekriegt… (der Fahrer ist übrigens auch gestorben, wurde uns erzählt. Sowieso tragisch, wie viel man hier von Toten wegen Verkehrsunfällen hört)

Nicht nur Touristenattraktion: Faille d’Aledjo

Und dann kamen wir heim. Da rief ein Kollege an, der gerade aus Lomé kam, dass er ein Paket für uns dabei hätte. Ich muss ehrlich gestehen, als wir das Paket öffneten: ich hab geweint. Wie liebevoll da Leckerein und Alltäglichkeiten aus der Heimat zusammen gestellt waren. Das Porto hatte ein halbes Vermögen gekostet, aber die Freude war unbeschreiblich (klar, die Amerikaner hatten ungläubig den Kopf geschüttelt, als sie hörten, dass wir uns Hamburger-Brötchen hatten schicken lassen, aber “(von) daheim schmeckts halt immer noch am besten”. Abends gleich Burger gemacht, am nächsten Tag Knödel mit Geschnetzeltem und gleich sah die Welt schon wieder anders aus.

 

So, jetzt nicht falsch verstehen. Bald werden wir auch wieder Fufu, Yams und Brochette essen. Wir können es auch nicht verantworten, dass liebende Familienmitglieder und Freunde ein Heidengeld für transkontinentale Privatexporte ausgeben. Und doch waren deratige Sendungen besonders in dieser doch etwas schwierigen Anfangszeit nicht nur ein kulinarisches, sondern auch ein seelisches Survivalpaket.

Ab dann wurde alles besser. Ich weiß nicht, was es ist, aber auf einmal haben wir unseren Rhytmus gefunden. Sogar der Himmel war uns wohlgesonnen. Eines Abends zogen dunkle Wolken auf und der Wind bließ immer stärker. Das apokalyptische Unwetter blieb zwar aus, aber in der Nacht begann es zu regnen -was für diese Jahreszeit wohl sehr ungewöhnlich ist. Weiterer Regen in der nächsten Nacht brachte die Abkühlung, die unsere Lebensgeister wieder neu auferstehen ließ. Von 39° auf 24° runtergekühlt. Wir können nachts wieder schlafen und ziehen uns sogar schon mal die Decke drüber. Übrigens, zum Thema Qualitätsarbeit. Während dem Regenschauer hatten wir einen See im Hausflur und am nächsten Morgen kunstvolle Wasserbilder an den Wänden:

 

Und so folgt nun ein Tag dem anderen. Die Arbeit fängt an Spaß zu machen. Mein Mann hatte eine geniale Idee, an der er nun tagtäglich arbeitet (Lasst euch vom Ergebnis überraschen). Wir haben Essen, wir haben mittlerweile sogar Gas für unseren neuen Herd plus Ofen, wir haben Schaufel/Rechen/Pikel und Spaß. Bald kommen die ersten Gäste, wir freuen uns riesig und haben bis dahin noch einiges aufzupeppen. Und nachdem wir uns jetzt entschieden haben, noch nicht aufzugeben und etwa nach Deutschland zurück zu kommen, kann es jetzt auch richtig los gehen. “Grace à Dieu”(wie die hier sagen) – Gott sei Dank.

Harrr…..